Vertikale Bildung eine Schlüsselkompetenz für die Herausforderungen unserer Zeit

Vor dem Hintergrund exponentiell zunehmender Wissensflut und steigendem Druck in Arbeit und Beruf, der unsicheren Wirtschaftslage und wachsenden sozialen Spannungen fühlt sich der Einzelne oft überfordert. Darüber hinaus bieten die herkömmlichen Traditionen und Wertesysteme immer weniger Halt und Möglichkeiten zum Ausgleich. Orientierungslosigkeit, Angst, Depressionen, Burnout und stressbedingte Krankheiten sind die Folge. Appelle an eine Work Life Balance verhallen ungelöst.

Der Ruf nach adäquater Veränderung der politischen und sozialen Randbedingungen zur Beseitigung dieses Spannungsfeldes ist utopisch, da die unbefriedigende und überfordernde globale Situation ihrerseits der kollektive Spiegel der defizitären Situation des Einzelnen ist.

Der Markt für Lösungsangebote boomt, die Angebote sind schnell wechselnd, unübersichtlich und schwer einzuschätzen.

In allen Kulturen gab es Lebensschulen, die die speziellen Anforderungen der jeweiligen Zeit dadurch lösten, daß sie den inneren Selbstbezugs förderten, das Bewusstseinspotential des einzelnen förderten und durch einen systematisierten Zugang zur philosophia perennis, eine zeitlose Basis für gesellschaftlich tragfähige Traditionen und Wertesysteme schaffte. Man erwartete, daß Persönlichkeiten als Vorbereitung auf gesellschaftliche Verantwortung ein derartiges Schulungssystem erfolgreich durchlaufen hatten.

So erfolgreich diese Lebensschulen zu ihrer Zeit waren, so mussten sie doch mit der sich ändernden gesellschaftlichen Situation immer wieder neu hinterfragt werden. Sei es, dass die Traditionen erstarrten, sei es, dass sich das jeweilige Weltbild wandelte und der lebendige Bezug der Lebensschule verschüttet wurde.

So mussten immer wieder nach einer Zeit des gesellschaftlichen Niedergangs die Bildungsziele neu formuliert werden, die lebendige Verbindung zur philosophia perennis wieder offen gelegt werden und Trainingswege entwickelt werden, die diesen Zugang als Initiation ins Leben wieder erfahrbar machten.

Wir stehen heute wieder vor einer derartigen Aufgabe, den Zugang zu den eigenen Ressourcen auf der Basis der grundlegenden Erkenntnisse unserer Zeit neu zu entwickeln. So ist neben die Ausbildung mit dem Fokus auf die Handhabung der schnell wachsenden, horizontalen Wissensansammlung eine Bildung zu stellen, die den Menschen und sein geistig-seelisches Potential in den Mittelpunkt stellt und wieder den Anschluss herstellt an das zeitlose Tiefenwissen früherer Kulturen.

In den modernen Wissenschaften diskutieren wir die Konvergenz allen Wissens [1]). Bei dem Ergründen der eigenen Tiefendimension wird in den Einzel­wissenschaften eine ursprüngliche Einheit aller Erkenntnis offenbar, von K. Wilber als „ewige Psychologie“ [2]), von Smith als „ewige Religion“ [3]), von A. Huxley als „ewige Philosophie“ [4]) bezeichnet.

Hier entwickelt sich ein neuer Zugang zu der philosophia perennis auf der Basis der abendländischen Kultur der Reflexion und Selbstvergewisserung [5]), der die Grundlage einer westlich geprägten Lebensschule auf der Grundlage einer vertikalen Bildung werden kann. Dabei sind die westlichen und östlichen spirituellen Übungs- und Erkenntniswege mit einzubeziehen.

Die Stiftung Bildungsforschung hat es sich mit ihrem Konzept einer „Vertikalen Bildung“ zur Aufgabe gemacht, dieses Tiefenwissen und die dazu gehörenden Praktiken, soweit heute noch bekannt, in einer Bestandsaufnahme zu sammeln, zu sichten und ein transkulturelles Modell einer modernen Lebensschule auf der Basis der Konvergenz allen Wissens zu entwickeln, die eine Antwort auf die speziellen Herausforderungen unserer Zeit darzustellen vermag.

[1]   Ken Wilber: Psychologia perennis und das Spektrum des Bewusstseins, in Walsh, Vaughan, Psychologie in der Wende, Bern 1985, p. 247-253
[2]   Ken Wilber: Psychologia perennis und das Spektrum des Bewusstseins, in Walsh, Vaughan, Psychologie in der Wende, Bern 1985, p. 247-253
[3]   Huston Smith: Forgotten Truth, New York 1976
[4]   Aldous Huxley: Die ewige Philosophie (philosophia perennis), Zürich 1949
[5]   Eckard Wolz-Gottwald, Heilung aus der Ganzheit, Gladenbach 1991, p. 202